Podravina und Prigorje – die Heimat meines Vaters

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„In Rust fühlt es sich an, als wäre ich bei mir in der Podravina!“

Podravina und Prigorje – eine kroatische Landschaft, die an Baden erinnert

Als mein Vater mich zum ersten Mal in Rust besuchte, betrachtete er lange die Rheinebene mit den Schwarzwaldhügeln im Hintergrund. Dann lächelte er mich an und sagte: „Hier fühlt es sich an, als wäre ich zuhause! Ich fühle mich wie in der Podravina!“

Mein Vater stammt aus Nordwestkroatien. Sein Heimatdorf liegt am Rand der Pannonischen Tiefebene, in der Podravina – unweit des Flusses Drau, der nach seinem schnellen Verlauf durch Österreich und Slowenien in Kroatien breiter und ruhiger wird. In der Nähe verläuft die Grenze zu Ungarn, bis zu der sich endlose Felder mit Mais, Weizen und Sonnenblumen erstrecken, gesäumt von Baumreihen sowie kleinen und größeren Wäldern. Rund zehn Kilometer südlich geht die Fläche der Drau-Ebene in die Hügellandschaft des Prigorje und die Hänge der Bilogora über, mit uralten Laubwäldern, Weinbergen und Obstgärten.

In der Tat erinnert diese Landschaft stark an Baden: Von der Rheinebene gelangt man ebenfalls rasch zu den Hügeln des Schwarzwaldes. Wie in Baden durchziehen zahlreiche Radwege auch die Podravina, und im Sommer laden Baggerseen zum Baden, Campen und Grillen ein.

 

Historische Verbindungen, die auch heute bestehen

Die Drau war jahrhundertelang keine Grenze, sondern ein Bindeglied zwischen Kroatien und Ungarn, die von 1102 bis 1918 ein gemeinsames Königreich bildeten. Doch ab 1948, nach Einführung des Eisernen Vorhangs, brachen die Kontakte zwischen den Ufern ab – bis zum Zusammenbruch des Kommunismus. Die Offenheit der Menschen und das Bewusstsein für unterschiedliche Kulturen blieben jedoch erhalten – ähnlich wie in Baden entlang des Rheins, wo sich die jahrhundertelange deutsch-französische Geschichte widerspiegelt. Heute ist die Drau keine Barriere mehr, sondern Teil zahlreicher grenzüberschreitender Projekte, die ehemalige wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen wiederbeleben.

 

Geschichten aus der Podravina

Das regionale Zentrum ist Koprivnica – eine lebendige Stadt mit reicher Geschichte und kroatische Rekordhalterin bei der Länge der Radwege pro Einwohner. Seit Jahrzehnten prägt das Lebensmittelunternehmen Podravka das Stadtbild – ein Gigant, selbst nach deutschen Maßstäben. International bekannt ist Podravka vor allem durch seine Gewürzmischung Vegeta, in den späten 1950er-Jahren von der Ingenieurin Zlata Bartl entwickelt. Die Rezeptur wurde seither kaum verändert, und das Produkt wird weltweit vertrieben – man findet es in nahezu allen großen deutschen Supermärkten. Koprivnica bietet aber noch mehr: ausgezeichnetes Bier und eines der größten Renaissance-Festivals Europas.

In der Ebene zwischen Koprivnica und dem Dorf meines Vaters entstand vor etwa sechzig Jahren, mitten im anstrengenden ländlichen Alltag, die naive Kunst – eine Malrichtung, die für ihre außerordentlich detailreichen, fantasievollen und farblich reichen Darstellungen des bäuerlichen Lebens bekannt ist. Das Zentrum der Naiven Malschule ist Hlebine, wo in den 1970er-Jahren Werke einfacher Bauern – autodidaktischer Künstler ohne formale akademische Ausbildung – von internationalen Stars wie Richard Burton und Yul Brynner erworben wurden. Heute ist die örtliche Galerie ein wahres Juwel für Liebhaber dieser Malrichtung, und viele Künstler bieten in ihren Hausateliers Workshops für jedes Alter an.

Auch die Kleinstadt Đurđevac liegt in der Podravina – mit einer erhaltenen mittelalterlichen Festung, Schauplatz einer der bekanntesten kroatischen Legenden: der vom „Picok“ (Hahn im örtlichen Dialekt). Im 16. Jahrhundert belagerte das osmanische Heer tagelang die Stadt. Die Verteidiger – schlecht bewaffnet und ohne Vorräte – schossen schließlich ihren letzten Hahn mit einer Kanone über die Mauern. Die Osmanen glaubten daraufhin, dass es in der Festung noch reichlich Nahrung gäbe, und brachen die Belagerung ab. Die Stadt blieb frei, aber den Bewohnern blieb der Spitzname „Picok“. Jährlich findet in Đurđevac das historische Freilichtspiel „Picokijada“ statt, das 2007 als immaterielles Kulturerbe Kroatiens anerkannt wurde.

Auch die Geschichte der nahegelegenen Gemeinde Molve ist von den Einfällen osmanischer Truppen im 16. Jahrhundert geprägt. Vor ihrer Flucht vergruben die Einwohner eine hölzerne gotische Statue der Gottesmutter mit dem Kind im Boden. Ihre Nachkommen kehrten erst etwa hundert Jahre später zurück, während die Statue die ganze Zeit über vergessen blieb. Der Legende nach wurde sie ganz zufällig beim Pflügen wieder ausgegraben. Die Einwohner von Molve stellten die Statue sofort in eine alte, wiederaufgebaute Kapelle, und die Kunde von ihrer wundersamen Wiederentdeckung verbreitete sich bald weithin. Seitdem pilgern zahlreiche Gläubige nach Molve. Die Kirche Mariä Himmelfahrt ist die größte Kirche in der Podravina. Da der Ort auf einem kleinen Hügel liegt, dominiert sie das umliegende Tiefland.

Auch das Prigorje hat viel zu erzählen

Südlich der Podravina steigen die Hügel des Prigorje an, die sich bis zum Kalnik-Gebirge erstrecken – mit gut markierten Wanderwegen, auch für weniger erfahrene Ausflügler. Nahe dem höchsten Gipfel befindet sich die Festung Veliki Kalnik, in der sich Mitte des 13. Jahrhunderts der ungarisch-kroatische König Béla IV. vor dem Tartarensturm rettete. Die umliegenden Bauern brachten ihm und seinen Verteidigern das Einzige, was sie hatten: Obst, hauptsächlich Pflaumen. Der König war von ihrer Loyalität so gerührt, dass er sie in den Adelsstand erhob. Da sie aber arm blieben, verspotteten sie die Nachbarn als „Šljivari“ – Zwetschgenadelige.

Diese Adligen gerieten später oft in Konflikt mit den Bürgern der nahegelegenen Königsstadt Križevci – mal wegen Steuern, mal wegen Verkaufsrechten für Pflaumen und Wein. Die Konflikte eskalierten teils blutig, bis der König schlichtete. Seit den 1960er-Jahren wird diese Versöhnung beim Fest „Veliko spravišče“ gefeiert – einer der ältesten Darstellungen der Ständeversöhnung in Europa. Mit Humor und Parodie hebt dieses mehrtägige Fest Werte wie Toleranz, Zusammenarbeit und Gemeinschaft hervor.

Toleranz, Zusammenarbeit und Gemeinschaftssinn zeichnen sich in Križevci heute durch die Multikonfessionalität aus. Neben römisch-katholischen Kirchen, einer orthodoxen Kirche sowie protestantischen Gemeinden prägt auch die griechisch-katholische Kathedrale der Allerheiligsten Dreifaltigkeit das Stadtbild. Sie ist der Sitz der im 18. Jahrhundert gegründeten Eparchie, unter deren Jurisdiktion alle griechisch-katholischen Gläubigen des byzantinischen Ritus in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Slowenien stehen. Da Kroatien in den letzten Jahren eine beträchtliche Zahl ukrainischer Flüchtlinge, überwiegend griechisch-katholischer Konfession, aufgenommen hat, dient die Kathedrale als ihr geistliches Zentrum. Nachdem im Jahr 2024 Reliquien des heiligen Charbel Makhlouf aus dem Libanon nach Križevci überführt wurden, ist die Kathedrale zudem zu einem Wallfahrtszentrum geworden.

 

Essen und Trinken

Die Besucher der Podravina und des Prigorje bleiben nie hungrig oder durstig. Im Gegenteil: Nach dem Genuss der Spezialitäten der kontinentalen kroatischen Küche kehrt man oft mit ein paar Kilo mehr nach Hause zurück. Unverzichtbar sind Pute, Küken oder Gans mit den einzigartigen, hausgemachten Nudeln Mlinci, Fisch-Paprikasch, Cvirki (frittierte, knusprige Speckstücke aus Schweinefett), Frischkäse mit Sauerrahm oder als Prgice – mit Paprikapulver gewürzt, in leicht geräucherter, kegelförmiger Form, Strudel mit gesunden Füllungen wie Brennnesseln, Buchweizen- oder Hirsebrei mit Kürbiskernöl. Zu den süßen Highlights zählen Zlevanka (ein einfacher, saftiger Blechkuchen aus flüssigem Teig) sowie die traditionelle Bregofska Pita mit reichhaltiger Füllung, ein absolutes Muss für besondere Anlässe. Perfekt begleitet werden alle Köstlichkeiten von hausgemachten, meist fruchtigen Schnäpsen und Weinen – von Graševina über Rheinriesling und Sauvignon bis hin zu Muskat. Für Tipps zu lokalen Restaurants und Weingütern stehe ich gerne zur Verfügung!

 

Eine Reise wert

Vielleicht sind es genau die Worte meines Vaters, die erklären, warum sich viele Kroaten aus Nordwestkroatien in Baden sofort so wohlfühlen: Die Landschaft und die fleißigen Menschen, die sie seit Jahrhunderten prägen,  erinnern sie an ihre Heimat. Genau deshalb fühlen sich auch viele deutsche Besucher in der Podravina und im Prigorje auf Anhieb wohl. Wenn Sie also durch Kroatien reisen, sollten Sie diese Region nicht übersehen. Denn vielleicht sagen auch Sie: „Hier fühlt es sich an, als wäre ich zuhause!“

 

Fotos: Tourismusverband der Region Koprivnica-Križevci, Tourismusverband Mittlere Podravina, Stadt Koprivnica, Museum der Stadt Koprivnica, Wikimedia, epodravina, ribolov-koprivnica, explorecroatia, krizevci.info, eigenes Archiv